Donnerstag, 6. Oktober 2016

Die Vorlesung

Es waren nur ihre Rückenschmerzen, die sie vor dem Wegnicken bewahrten. Mittwochnachmittage hatten grundsätzlich etwas Ermüdendes und die stotternde, wenig mitreißende Sprechweise des Professors machte es nicht besser. Vor einigen Wochen war sie voller Elan in das neue Semester gestartet und hatte beschlossen, jedes Thema mit Interesse anzugehen. Nun saß sie hier, lehnte sich abwechselnd auf dem Sitz zurück, um ihren Rücken zu beruhigen oder legte ihren Kopf auf dem Tisch ab, um vielleicht doch der Schläfrigkeit nachzugeben. Oder war sie nicht schläfrig? Ihre Augen brannten. Heuschnupfen? Nein, zu früh im Jahr. Außerdem sicher nicht im Hörsaal. Es gab hier keine Pflanzen und gegen den Gummibaum auf dem Flur war sie nicht allergisch. Nicht, dass sie wusste. Sie gähnte, richtete sich auf und zwang sich, den Ausführungen des Professors zu folgen.
Mineralogie. Das Beste an diesem Fach war, dass graduierte Mineralogen Mineralen Namen geben durften, sollten sie Neue entdecken. Mineralit, nein, das war ein dummer Name. Aerodactylit, ja. Sie kicherte. Allein, um Jahrgänge folgender Studenten zu ärgern. Aber brauchte man für diesen Namen die Einwilligung von Nintendo? Immerhin war der Begriff sicher geschützt. Gengarit, wenn sie schon dabei war. Absolit, der war gut. Ab sol - Fern der Sonne. Absolit - Fern der Sonne mit Mineralsuffix. Das war wirklich gut. Ein toller Name für ein Mineral im Erdinneren. Aber auch hier wieder die Sache mit dem dummen Copyright. Aber das Sonic-Hedghog-Gen und das Protein Pikachurin? Ob die Wissenschaftler da auch erst angefragt hatten? Andererseits, Pikachurin war vor der Benamung des Proteins ja kein Begriff. Vielleicht sollte sie das Pikachu-DS aus dem Rucksack holen und spielen? Oder ihr Buch fortsetzen, das war sicher besser. Aber Lesen, während der Professor redete? Noch dazu Englisch? Britisches Englisch zu allem Überfluss. Nein, dafür fehlte ihr die Konzentration.
Ihr Blick heftete sich auf das Bild, welches der Beamer an die Wand warf. Kugeln, Striche, Formeln, dichteste Packungen, hexagonal, kubisch. Das kannte sie alles aus dem letzten Semester und dem davor und dem davor und dem davor. Sie gähnte erneut. Der Professor forderte die Studenten auf, die Packungsdichte einer kubisch dichtesten Kugelpackung auszurechnen. Sie schloss die Augen, murmelte: »Zweiundfünfzig Prozent ...«
Der Professor erzählte irgendetwas von der Kristallographievorlesung im letzten Semester. Ihr Rücken zog scharf an ihren Schulterblättern. Sie richtete sich wieder auf. Sie sollte zum Stall fahren oder tanzen oder spazieren gehen, sich bewegen, nicht auf diesen Stühlen sitzen. Mehr als eine Stunde auf diesen Dingern sollten als Folter gelten. Die Zweitsemester um sie herum tippten fleißig auf ihren Taschenrechnern, aber in ihren Gesichtern konnte sie lesen, dass sie keine Ahnung hatten. Der Professor auch, er hakte nach. Keiner hatte den Mut, sein Nichtwissen anzuerkennen. Sie seufzte, legte den Kopf wieder auf dem Klapptisch ab und schloss die Augen. Der Schmerz biss in ihrem Rücken. Der Raum war still. Sie richtete sich auf, holte das DS hervor und begann ein sinnloses Puzzlespiel. Zehn Minuten, bis der Professor wieder Aufmerksamkeit forderte. Als kein Ergebnis genannt wurde, rechnete er hastig vor. Wie wollten diese Studenten im Winter Kristallographie bestehen, wenn sie schon bei den einfachen Aufgaben versagten? Oder waren die Aufgaben deswegen so einfach, weil sie die Kristallographie schon kann? Wahrscheinlich war sie der einzige Student im ganzen Hörsaal, der dem Professor überhaupt folgen konnte.
Er redete irgendetwas über Koordinationszahlen. KZ. Bei den Chemikern gab es jemanden, der sich weigerte, das Wort abzukürzen. Euphemismusparadoxon. Ich kann die negative Bedeutung eines Wortes nur dann durchbrechen, wenn ich es bewusst neutral oder positiv belege. Geil. Schwul. Naja, eher das Englische queer. Hitler als Witzfigur. Oder eben KZ. Ihr Freund war genauso. Hatte sie ihn damals davon überzeugen können oder nicht? Wieso sollte sie Angst vor zwei verdammten Buchstaben haben? Wie albern, wie deutsch.
»Die Koordinationszahlen der Kugelpackungen sind identisch«, insistierte der Professor. Sie sah auf, rechtzeitig, um zu sehen, wie er mit dem Finger gegen die Luft stieß, um jede Silbe zu betonen: »Und-die-Zahl-ist-zwölf.«
Nein, sechshundertsechsundsechzig, sie kicherte. Kristallographen waren der Antichrist und Plagioklas war die Antwort auf alles und gleichbedeutend mit Wasser. Brechungsindex zweiundvierzig. Zweiundvierzig war die Antwort auf alles. Dämlicher Geologen-Nerd-Insider. War sechshundertsechsundsechzig durch zwölf teilbar? Nein, nein, das musste eine andere Zahl sein. Sie war zu schläfrig, um zu rechnen und ihr Taschenrechner zu tief in ihrem Rucksack verbuddelt. Der Professor stellte irgendeine Frage, die sie nicht hörte. Ihr Kopf war leer. Schlafen? Schlafen. Sie verschränkte die Arme auf dem Tisch, legte den Kopf ab und schloss die Augen. Allgemeines Gemurmel. Der Professor wiederholte die Frage. Ob man mit irgendwelchen Mitteln irgendwie feststellen könne, welche Kugelpackung man habe. Sie entschied sich für Ja. Zu müde zum Nachdenken.
Der Professor schwieg eine Weile. Ihr Rücken brachte sie um. Kleine Messer in ihren Muskeln, nein, Hebel. Irgendjemand saß auf ihrer Wirbelsäule und zog an kleinen Hebeln. Sie setzte sich wieder auf, ihr Blick suchte den Dozenten. Dieser stand vor dem langen Tisch vor der Tafel und lächelte verzweifelt. Er konnte so nervös werden, wenn man ihn nicht verstand. Sie seufzte. Der Professor gestikulierte wild mit den Armen.
»Sie müssen sich doch fragen, wann immer ich eine Frage stelle. Nein, nicht ›Was ist das Ergebnis?‹ sondern, ›Wie beantworte ich die Frage?‹ Die Antwort ist doch offensichtlich!«
Zustimmendes Gemurmel aus dem Saal, indem mittlerweile auch sie aufgegeben hatte, seinen Ausführungen folgen zu wollen. Vielleicht nächste Woche. Vielleicht nächsten Monat. Sie sah auf die Uhr. Halb vier. Noch eine Viertelstunde. Vielleicht auch erst in der Woche vor den Prüfungen.

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