Freitag, 23. September 2016

Das Ende des Milenniums

Sie öffnete die Haustür und stieg die Treppe nach oben. Dort angekommen ging sie, ohne die Jacke abzulegen, ins Wohnzimmer. Sie war spät dran, der Sportlehrer hatte wie immer überzogen und eigentlich wollte sie Mathe noch vor der Sendung gemacht haben. Sie legte den Rucksack auf dem Sofa ab. Der Fernseher lief eine Kriegsreportage, vermutlich Zweiter Weltkrieg, ihr Vater saß am Computer. Sie betrachtete das Programm eine Weile, seufzte, legte auch ihre Jacke ab und ging ins Badezimmer. Erst einmal duschen, dann Mathe überfliegen. Sie sah auf die Uhr: In etwa anderthalb Stunden ging ihre Lieblingsserie los.
Sie duschte sich in aller Ruhe, zog sich bequeme Kleidung an und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Dort nahm sie ihre Tasche vom Sofa und wühlte nach den Unterlagen für ihre Hausaufgaben. Sie setzte sich mit Heft, Stift, Lehrbuch und Taschenrechner bewaffnet an den Esstisch. Mathematik war ein furchtbares Übel, aber wenn ihr Vater zu Hause war, sollte sie die Aufgaben ernst nehmen.
»Soll ich leiser schalten?«, fragte er, ohne vom Computerbildschirm aufzusehen. Sie schüttelte den Kopf und brummte ein »Geht schon«, während sie auf ihrem Kugelschreiber herumkaute. Warum sah sich dieser Mann eigentlich immer deprimierende Themen an? Ihr reichte es vollkommen, dass sie gerade in sämtlichen nicht-naturwissenschaftlichen Fächern das Dritte Reich behandeln mussten. Sie wollte sich nicht noch zu Hause damit beschäftigen. Und warum lief der Fernseher überhaupt, wenn er sich gerade mit dem Computer beschäftigte?
Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und dachte über die Aufgabe nach. Im Fernsehen war ein Gebäude zu sehen, aus dem dicke schwarze Wolken in den hellblauen Himmel aufstiegen. Schnitt. Ein Loch in der Wand eines anderen Bauwerkes. Sie wandte sich wieder ihren Hausaufgaben zu. Ihr Vater hatte den Ton des TV-Gerätes abgestellt, vermutlich, weil er ihn selbst störte. Wenn er weder hinsah noch zuhörte, warum lief dieser Kasten überhaupt? Mysterien über Eltern, die nie zu klären sind.Die Batterien des Taschenrechners gaben den Geist auf. Klasse. Keine Möglichkeit mehr, solange durchzurechnen, bis ihr das Ergebnis gefiel. Sie sah zu ihrem Vater: »Kannst du mir mal eben bei Algebra helfen?«
»Geht nicht«, murmelte er und starrte dabei konzentriert auf den Computerbildschirm. Typisch, sich über ihre Noten beschweren, aber keine Hilfe anbieten können. Das dumme Was-auch-Immer hinter dem Bildschirm war wichtiger. Sie sah wieder auf die Uhr. Noch vierzig Minuten. Wenn sie jetzt das Programm wechselte, würde sie auch noch die Sitcom und die anschließenden Nachrichten sehen. Sie stand auf, ging zum Schreibtisch und griff nach der Fernbedienung. Das sah ihr alter Herr natürlich, mit den Augen in seinen Ohren oder wie auch immer. Vielleicht saßen auch kleine Spiegel in den Kanten des Monitors.
»Was hast du vor?«, fragte er. Sie kehrte mit der Fernbedienung an ihren Platz zurück und studierte die Knöpfe. »Ich will umschalten. Gleich kommt die Serie, die ich immer gucke.«
Ihr Vater schwieg, die Stille im Raum hatte etwas Unnatürliches an sich. Sie hörte das helle Rauschen der beiden Bildschirme, ein an- und abschwellendes Geräusch am Rande der Wahrnehmung, wie die Schreie einer Fledermaus.
»Wenn mein eigener Receiver ja endlich funktionieren würde, könnte ich in meinem Zimmer schauen«, bemerkte sie. Der Receiver in ihrem Zimmer war schon länger ein Streitthema. Er war angeschlossen und eingerichtet, doch ihr Vater hatten ihn versehentlich von der Satellitenschüssel abgeklemmt. Seitdem teilten sie sich den Fernseher im Wohnzimmer.
»Das würde dir nichts nützen«, sagte ihr Vater. Sie hielt inne und sah ihn an. Er deutete auf den Fernseher und fuhr fort: »Ich schätze, deine Serie muss heute ausfallen.«
»Du schaust dir denen komischen Weltkriegsbericht doch sowieso nicht an«, entgegnete sie schroff. Das war so typisch. Er belegte den einzigen funktionierenden Fernseher, ohne das Programm zu beachten und niemand durfte umschalten. Sie funkelte ihn an. Er schüttelte den Kopf und antwortete: »Das ist es nicht. Aber auch auf RTL 2 oder wo auch immer deine komische japanische Show läuft, wird auch nichts anderes sein. Schalt ruhig um.« Seine Stimme klang entfernt, als gehörte sie nicht ihm. Belegt, angestrengt. Vermutlich der Herpes, die Entzündungen machten ihn unerträglich.
Sie überschlug im Kopf das Datum. War irgendein Gedenktag, den sie vergessen hatte? Bis zum dritten Oktober war es noch ein wenig hin. Andere wichtige Tage waren im August oder so. Welcher Tag war heute genau? September, das wusste sie, aber welcher Tag? Sie zögerte, auf den Kalender zu sehen und wechselte stattdessen das Programm. Es lief keine Sitcom, ihr Vater hatte Recht. Auf dem anderen Sender dieselben Bilder. Geschockte Menschen, Rauchwolken, Trümmer, Flugzeuge. Ihr wurde erst jetzt bewusst, dass die Bilder im Fernsehen in Farbe waren. Dokumentarisches Material über die Weltkriege war Schwarzweiß. Wieso waren die Bilder in Farbe? Sie zitterte. Sie stellten doch nur Angriffe nach. Computeranimationen vielleicht. Sie spürte, dass ihre Erklärungen falsch waren. Irgendetwas war passiert und sie hatte es nicht bemerkt, keine Nachrichten, kein Radio. Sie spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde und Tränen in ihre Augen schossen. Was verdammt noch mal war da los, dass ihre Serie nicht kam. Was für ein dummer Scheißtag war heute? Sie sah ihren Vater an. »Was ist da los? Was ist das?«
»Mach den Ton an«, murmelte er. Er hatte sich auf seinem Stuhl herumgedreht und starrte ausdruckslos auf die Mattscheibe. Was wurde hier gespielt? Sie stellte den Fernseher lauter. Ein pixeliges, verwackeltes Handyvideo zeigte, wie ein Flieger in ein Hochhaus krachte.
»Um 9:03 Uhr Ortszeit krachte das zweite Flugzeug in den Turm Zwei des World Trade Centers. Die US-Regierung geht von einem terroristischen Hintergrund aus. Beide getroffenen Türme sind in sich zusammengestürzt, die Zahl der Toten ist weiter unklar. New York ist in Aufruhr.«
Sie ließ die Fernbedienung fallen. Die Bilder waren kein Dokumentationsmaterial aus einem der Weltkriege, nicht einmal nachgestellte Szenen. Diese Bilder waren echt, sie passierten in den USA, vor gerade einmal zwei Stunden. Wieso hatte sie nichts davon mitbekommen? In der Schule? Im Bus? Sie schluckte, eine Träne rann über ihre Wange. Ihr Herz drohte, ihre Rippen zu sprengen, sie atmete gegen einen harten Widerstand in ihren Bronchien an. Jegliches Zeitgefühl hatte sie verlassen, der Raum um sie herum existierte für sie nicht mehr. Was interessierte sie die dumme Serie von heute Abend? Warum konnte es nicht ein blöder, überflüssiger Gedenktag sein? Gott, was passierte hier? Sollte 2001 nicht der Anfang einer neuen, friedlichen Welt werden? Der Golfkrieg war vorbei, die Unabhängigkeitskämpfe der ehemaligen Sowjetstaaten und des ehemaligen Jugoslawien vorüber. Das Ende des letzten Jahrtausends war doch friedlich verlaufen? Es würde in dieser Zukunft keine Kriege mehr geben, die große Aussage der Feuerwerke des Millenniums. Und jetzt? Ihre Knie zitterten, sie ließ sich auf einen Stuhl fallen. Noch immer fassungslos starrte sie auf den Fernseher. Die Worte der Reporterin hallen in ihrem Kopf wieder. Terroristische Anschläge, Flugzeug, Ortszeit. Bis eben wusste sie nichts vom World Trade Center und jetzt war es in Trümmer gefallen. Vergänglichkeit, Gegenwart, Zukunft. Mit den Tränen in ihren Augen verschwamm die Welt um sie herum.

Montag, 5. September 2016

Die Nebelwand

Petri lebte ein ausgesprochen wohl geordnetes Leben. Er stand jeden Morgen um die gleiche Zeit auf, kam um die gleiche Zeit ins Büro und ging um die gleiche Zeit schlafen. Auch heute war es einer der ewig gleichen Tage. Selbst das Wetter war grau und durchschnittlich, ein nebliger Tag im November.
Petri verließ das Büro pünktlich zu Betriebsschluss und wartete auf den Bus, der ebenso pünktlich vorfuhr. Er gehörte zu den wenigen Menschen, die sich noch nie über die Unpünktlichkeit der öffentlichen Verkehrsmittel beschwert hatten, denn die beiden Busfahrer, mit denen Petri jeden Tag zu tun hatte, teilten seinen eigenen preußischen Ordnungssinn und waren häufig etwas früher, aber niemals zu spät an ihrer Haltestelle.
Petri stieg in den warmen, trockenen Innenraum des Wagens und beobachtete während der Fahrt die Nebelwand, die langsam über Frankfurt waberte. Der Bus nahm die Auffahrt zur Autobahn, um das kurze Stück über den Flughafen zu fahren. Der Nebel wurde zunehmend dichter, der Busfahrer drosselte das Tempo. Petri sah auf die Uhr. Wenn das Wetter so blieb, würde er zu spät zum Abendessen zuhause sein und deshalb noch die Nachrichten verpassen. Er wandte den Blick vom Fenster ab und wollte Özmir zu mehr Mut anhalten.
Er stockte, als sein Blick in den Gang fiel, außer ihm und dem Fahrer war niemand in dem Bus, was ungewöhnlich war. Normalerweise verließen mit Petri zusammen mehrere Kollegen das Büro und nahmen auch mit ihm zusammen denselben Bus in die Wohngebiete zurück. Ihm war noch gar nicht aufgefallen, dass heute etwas anders war. Hatte er einen Feiertag oder eine Betriebsfeier verpasst? Er sah irritiert aus dem Fenster. Die wabernde Masse lichtete sich ein wenig und gab den Blick auf den Flughafen frei.
Özmir bremste scharf. Petri musste sich an einem Handlauf abstützen. »Was ist los?«
»Wir kommen nicht weiter. Die Polizei hat die Strecke gesperrt. Der Nebel, nehme ich an.«
»Bitte was?« Petri schüttelte den Kopf. »Lassen Sie mich aussteigen und nachsehen.«
»Bei dem Nebel? Sie wissen doch gar nicht, was da los ist, Herr Petri.«
Petri zögerte. Er war nie der Mutigste gewesen und Veränderungen hatten ihm schon als Kind nicht behagt. Aber irgendjemand musste nachsehen, ob und was dort geschehen war. Er atmete tief ein. »Es wird schon nichts sein. Vielleicht kann ich von hier aus auch mit dem Zug weiter.«
»Wie Sie wollen.« Der Busfahrer öffnete die hintere Tür.
Petri stieg aus, überquerte die Straße und betrat das Terminal. Er sah sich nach einem der Flughafenpolizisten um, in der Hoffnung, er könne ihm Auskunft geben, doch er war auch in dem großen Gebäude allein. Ein Schauer überlief ihn, er sah sich um. Durch die Bauarbeiten konnte er die Straße nicht einsehen. Ob der Bus noch da war? Ob er zurückgehen sollte? Er schüttelte den Kopf. Wenn die Straße blockiert war, war der Zug seine einzige Möglichkeit, pünktlich nach Hause zu kommen. Leider kannte er sich am Flughafen nicht aus.
Vor ihm erstreckte sich ein Gang, der auf einer Seite von Läden und Türen gesäumt war, hinter ihm führte der Weg in einen leeren Gang. Er spürte, dass dieser Weg ihn in die falsche Richtung führen würde. Es war eine diffuse Ahnung, die er jedoch ignorierte. Vielleicht würde dies sein erstes und einziges Abenteuer werden, seitdem er sich als Kind im Wald verlaufen hatte. Er drehte sich herum und folgte dem schmalen Gang.
Der Gang war erleuchtet, doch die Wände waren offen, Kabel lagen sichtbar in Schächten dahinter. Petri betrachtete sie im Vorbeigehen und stieß schließlich gegen einen Widerstand. Er sah auf, an sich hinunter und stellte fest, dass sich vor ihm eine ältere Frau mit porzellanweiser Haut und tiefschwarzen Augen befand.
Sie blinzelte zu ihm nach oben, deutete mit der knochigen Hand auf den Gang und schnarrte: »Was tun Sie hier? Kommen Sie aus dem Nebel?«
Ihre Stimme irritierte Petri. Sie war knarzig, aber weit entfernt, als ob sie aus einem anderen Raum zu ihm sprach. Er sah sich um und folgte mit dem Blick der Geste der Alten. Er schüttelte den Kopf. »Ich, nein, doch. Ich komme aus dem Nebel, ja. Ich will nach Hause.«
»Das ist nicht Ihr Zuhause! Verschwinden Sie, bevor ich meinen Sohn rufe!«
Petri wich zurück, er spürte, dass es besser war, zu verschwinden. Er drehte sich herum und rannte in Richtung Ausgang. Er öffnete mit der Schulter die erste Glastür, ihm war, als verfolge ihn ein grelles Lachen.
»Özmir! Özmir!« Er passierte auch die zweite Tür der Schleuse, hinaus in den Nebel, stieß mit etwas zusammen, taumelte zurück und fiel. Sein Kopf schlug am Boden auf.
Als er wieder zu sich kam, fand sich Petri in seinem Büro wieder, den Kopf seitlich auf dem Schreibtisch mit nassgesabbertem Hemdsärmel. Er blinzelte aus dem Fenster. Ein normaler Donnerstag im November, eine weiße Nebelwand trennte die Realität des Büros von den Gefahren der Außenwelt. Er schüttelte den Kopf, noch unsicher, ob er wirklich im Büro war. Vorsichtig sah er sich um. Ja, er saß an seinem Schreibtisch und war mit der Arbeit für heute fertig. Sein Blick fiel auf die Uhr, er konnte nicht allzulange geschlafen haben. Wenn er ohnehin mit seinem Tagewerk fertig war, konnte er heute auch genauso gut einen Bus früher nach Hause fahren. Ehe der Nebel noch dichter wurde.